P&P, Folge 4: Marco Arrigoni und Felix Schaad
Die Petarde traf die beiden Schweizer Cartoonisten Marco Arrigoni und Felix Schaad anlässlich des Cartoonistenwechsels beim Tagesanzeiger im Mai 2026.
Marco Arrigoni arbeitet seit 1. April als Cartoonist für den Tagesanzeiger, davor schrieb er unter anderem Witze und Sketches für SRF DEVILLE sowie für verschiedene Satire-Formate. Er gehört zum Zeichner:innen-Pool der Petarde.
Nach 27 Jahren beim Tagi trat Felix Schaad in den Zeichnerruhestand. Zusammen mit Claude Jaermann veröffentlichte er 16 Jahre lang täglich den Comicstrip EVA und ist Zeichner mehrerer Bücher.
Lasst uns über Eure Arbeit sprechen: wie war das Arbeiten für dich, Felix, in deinen Anfängen beim Tagesanzeiger und wie ist das Arbeiten für dich, Marco, im Vergleich dazu heute?
Schaad: Ich hatte von Beginn an freie Hand und bekam ein eigenes Büro, in dem ich in Ruhe arbeiten konnte.
Arrigoni: Ich habe auch freie Hand und bin froh darüber. Ich mache mir selber zu viel Druck, weil ich von 0 auf 100 plötzlich auf der Frontseite bin. Dementsprechend overthinke ich alles viel zu lange. Aber ich hoffe, das entspannt sich mit der Zeit.
Wie geht ihr mit den technischen Veränderungen um? Ist es nicht so, dass Felix sich vom analogen ins digitale Zeitalter hineinzeichnen und Marco sich vom digitalen ins KI-Zeitalter hineinzeichnen musste?
Schaad: Mit meinem analogen Zeichnungsstil musste ich schrittweise auf die Digitalisierung umstellen. Das war aber nie ein Problem. Lange Zeit wurden meine Original-Zeichnungen noch intern von den Lithografen professionell gescannt.
Arrigoni: Ich war von der Ausbildung her schon mit den üblichen digitalen Kreativ-Programmen vertraut und arbeite nun auch digital mit ProCreate. Von KI halte ich in meinem Bereich wenig – sie bringt nur austauschbare Standardware hervor, aber keine originelle, kreative Pointen.
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«Ich hatte von Beginn an freie Hand»
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Wie seid Ihr Beide eigentlich zum Tagesanzeiger gekommen?
Schaad: Als ich 1999 zum Tages Anzeiger kam, war der damalige Hauskarikaturist Nico omnipräsent (Anmerkung der Redaktion: Klaus Peter Robert Cadsky (* 3. August 1937 in Hannover; † 11. März 2011 in Solothurn)).
Ich arbeitete zwei Tage in der Woche parallel zu ihm, bis er 2005 zum Blick wechselte. Nicos favorisierter Nachfolger wäre übrigens Peter Gut (NZZ) gewesen.
Man kannte meine Eva-Comics bereits vom Nebelspalter. Ich konnte mein Pensum Schritt für Schritt steigern.
Arrigoni: Ich habe Grafiker gelernt und Film studiert. Meine Cartoons erschienen bereits unter «Seichnungen» bei der Petarde und bei Deville. Die sieben Jahre Erfahrung bei der SRF-Late-Night-Show als Pointen-Schreiber sind bei der Auswahl zusätzlich ins Gewicht gefallen.
Marco, gab es eigentlich eine Ausschreibung von Seiten des Tagesanzeigers und wie lief das Auswahlprozedere ab? Wer war sonst noch im Rennen?
Arrigoni: Ich weiss nicht wer sonst oder wie viele im Rennen waren leider. Mein Prozedere war so, dass ich per Mail aus dem Nichts eine Anfrage der Chefredaktion erhielt, um meine Cartoons und mein Werdegang persönlich vorzustellen. Es folgte eine praxisnahe Testphase mit konkreten Themenvorgaben und ich musste zeitnah die Cartoons abliefern – scheinbar erfolgreich. Da ich gewöhnlich schwarz-weiss zeichne, wurde dabei auch die Wirkung in Farbe getestet – eine Vorgabe für die Frontseite.
Gab es während eurer Zeit beim Tagi Zeichnungen, die von der Redaktion abgelehnt wurden und falls ja, warum?
Schaad: Nein, das gabs nie, es gab keine Zensur. Ich machte meist zwei bis drei Vorschläge, weshalb immer eine passende Zeichnung zur Auswahl stand.
Arrigoni: Bei mir bisher auch nicht. Ich bin erstaunt, wie frei ich zeichnen kann.
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«Von KI halte ich in meinem Bereich wenig – sie bringt nur austauschbare Standardware hervor»
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Marco, gibt es bei Tamedia von Seiten der Redaktion her Vorgaben? Wie ist der Ablauf bei dir?
Arrigoni: Farbe war eine Vorgabe, aber ansonsten decken sich die Ansprüche der Chefredaktion mit meiner Überzeugung: Möglichst wenig Text; nicht überladen, sondern reduziert; originell um die Ecke gedacht, aber nicht zu kompliziert – und so auf den Punkt gebracht, dass es auf Anhieb so viele Leute wie möglich verstehen.
Zum Ablauf: Ich bekomme am Nachmitttag Themen-Vorschläge für den nächsten Tag. Machmal mache ich mehrere Ideenvorschläge, die ich der Chefredaktion schicke für Feedback. Aber meistens schicke ich einfach meine Favorite-Idee und setze diese dann bis spätestens 19:30 Uhr um.
Du hast sieben Jahre lang für die SRF-Late-Night-Show «Deville» («Switzerland Second») sowie für verschiedene Satire-Formate in der Schweiz und in Deutschland gearbeitet. Helfen Dir diese Erfahrungen für gute Cartoon-Pointen?
Arrigoni: Ja, durch meine Erfahrung kann ich unter Zeitdruck zwar gut mehrere Pointen parallel ausarbeiten. Das Schwierige – im Vergleich zu einer Late-Night-Show – ist jedoch, dass man sich am Ende auf genau eine Pointe festlegen muss. Welche ist die beste? Und welche lässt sich auch visuell als Cartoon am stärksten umsetzen? Diese Entscheidung fällt mir oft schwer, und danach schleichen sich manchmal Zweifel ein, ob die andere Idee nicht vielleicht doch besser gewesen wäre.
Felix, wie kommst du auf die Pointen?
Schaad: Eine gute Pointe braucht Zeit. Die Zeichnung hat man relativ schnell, aber den entscheidenden «Dreh», der den Witz zum Fliegen bringt, den muss man sich erarbeiten. Es ist ein bisschen, wie wenn man im Tram schief angegangen wird: Im Moment ist man blockiert, überfordert. Die schlagfertige Antwort kommt erst ein paar Stunden später …
Wie bringt man die durchschnittliche Tagi-Leserschaft zum lachen?
Schaad: Ich kenne die Leserschaft des Tagesanzeigers gut, denn ich bin aus derselben Generation. Daher kenne ich ihre Themen und weiss, mit welchem Vorwissen ich in meinen Cartoons rechnen kann.
Arrigoni: Ich kann es etwas weniger gut einschätzen. Die Online-Leserschaft ist jünger als jene beim Print. Hinzu kommt, dass man sich als Leser:in erst mit meinem Stil vertraut machen muss. Nach 27 Jahren Felix Schaad braucht das etwas Zeit.
Felix, würdest du den Job als Tagi-Zeichner heute nochmals antreten, wenn du in Marcos Alter wärst?
Schaad: Ja, das würde ich sofort wieder machen. Ich betrachte es als ein Privileg, ein Berufsleben lang für den Humor, für das Lachen gearbeitet haben zu dürfen.
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«Eine gute Pointe braucht Zeit»
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Du hast früher bereits legendäre Comics (Eva, Zwicky…) gezeichnet. Gibt es zeichnerische Projekte, die du noch vorhast oder möchtest du jetzt erst Mal alles andere machen?
Schaad: Ich habe Ende 2025 noch einen dritten Karikatur-Sammelband «Einfach Schaad» herausgegeben. Die Auflage (1’800 Stück) ist bereits vergriffen.
Im Sommer mache ich Illustrationen für eine Weihnachtserzählung für den Rotpunktverlag. Mal sehen, ob das überhaupt geht, Zeichnungen ohne Pointen (lacht).
Daneben arbeite ich noch an einem Comicprojekt für den Verein Comic Panel Winterthur.
Ansonsten schaue ich mal, was kommt.
Wir danken Euch vielmals für das Gespräch!
Das Interview führten die Cartoonisten Tom Künzli und Silvan Wegman
«Ich bin erstaunt, wie frei ich zeichnen kann»
Die Petarde im Gespräch mit den beiden Schweizer Cartoonisten Marco Arrigoni und Felix Schaad anlässlich des Cartoonistenwechsels beim Tages-Anzeiger im Mai 2026.
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